# Geist und Geister in den Geisteswissenschaften
> Am anderen Ufer des Meeres, in der Gegend der Gerasener, hauste vorzeiten ein Mensch mit einem unsauberen Geist, der seine Wohnung in den Grabhöhlen hatte. Niemand und nichts konnte ihn bĂ€ndigen, auch Fesseln und Ketten nicht â er sprengte sie alle und brauchte keinen Pinel dazu. Als Jesus am anderen Ufer gelandet war, bat jener Mensch, ihn nicht zu quĂ€len. Jesus aber zwang den Geist, Laut und Namen zu geben. Die Antwort: Legion heiĂe ich, denn unser sind viele (Kittler 1980: 7).
> An dieser Stelle können wir den Begriff 'Geist' gleich mitverabschieden. Er ist nur sinnvoll, wenn man GrĂŒnde zu haben glaubt, die Entscheidung zwischen psychischer und sozialer Systemreferenz vermeiden zu sollen. Das 'Geistige' besetzt dann den Platz, den der von BewuĂtsein und Kommunikation gemeinsam benutzte Sinn einnimmt, ohne ein umfassendes System zu bilden (Luhmann 1992: 44).
Hier geht es um Ziele, Werte, Rechtfertigungen und SelbstverstĂ€ndnis â also darum, was die Forscher:innen in meinem [[Feld]] sagen, dass sie tun (wollen). Um das zu beschreiben, hat sich der Begriff *Geist* als produktiv erwiesen. Es hat begonnen als ethnografische Entfremdungsstrategie. An den OberflĂ€chen des Forschungsverbunds â Webseite, DFG-Fachsystematik, AntrĂ€ge, Projektbeschreibungen â ist eindeutig von *Geisteswissenschaften* die Rede.
Aha, dachte ich, dann muss es um *Geist* gehen; so wie die Naturwissenschaften *Natur* untersuchen, sind die Geisteswissenschaften fĂŒr *Geist* zustĂ€ndig. Im GesprĂ€ch mit meinen Kolleg:innen war das dann schon nicht mehr so klar. Wenn ich frage, ob sie sich als Geisteswissenschaftler:innen verstehen, sagen manche ja, manche nein, aber alle relativieren auch irgendwie. Was sagen sie also, dass sie tun wollen? Hier ein paar Antworten:
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Eigentlich will ich Probleme prÀsentieren. Ich will Sachen komplex, kompliziert machen.
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[Es geht darum,] auf die spekulative Dimension ab[zu]heben, also das, was sein könnte, nicht das, was ist.
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Ich lese gerne. [âŠ] Vielleicht ist es auch wirklich einfach nur Text. [âŠ] Geisteswissenschaft ist Begriffsarbeit und Bedeutung ausloten.
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Es geht also um das *Mögliche*, das *Spekulative*, um *Kontingenz*; es geht auch um *Kritik* und um die Frage nach *Bedingungen* â genealogischen, materiellen, technischen. Das alles kann man nun gut in einem aktualisierten, entidealisierten Begriff von *Geist* aufheben.
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Ich folge hier einem Vorschlag von Niklas Luhmann 1971: 68; 1992: 44, Fn 47). Er hat *Geist* mit *Sinn* ĂŒbersetzt. Sinn ist bei Luhmann eine Art Super-Medium, das allen gedanklichen und kommunikativen Prozessen unterliegt, und zwar als eine Verweisstruktur von Bedeutungen. Sinn zeigt immer alternative Möglichkeiten an und reguliert zugleich den Zugang zu diesen Möglichkeiten.
*Geist als Sinn ist dann das Medium aller Möglichkeiten, ĂŒber die Welt nachzudenken und zu sprechen.* So bringt der Begriff auf den Punkt, wo die PrioritĂ€ten der geisteswissenschaftlichen Arbeit liegen. Die Arbeit mit, am und fĂŒr *Geist* bedeutet Arbeit an *gepflegter Kontingenz* â eine systematische und elaborierte Erkundung dessen, was möglich ist.