# Verbund ![[virtuelles-buero.jpeg]] Als ich das erste Mal mein BĂŒro besuche, existiert es noch nicht. Was es gibt, ist eine verschlossene TĂŒr und daneben einen auf grĂŒnlichem Papier gedruckten Raumplan, auf dem schematisch in einer perspektivischen Strichzeichnung die zukĂŒnftige Möblierung des Raums abgebildet ist. Was fehlt, ist eine offene TĂŒr, durch die ich das BĂŒro hĂ€tte betreten können. Wahrscheinlich waren zu diesem Zeitpunkt auch weder StĂŒhle noch Tische im Raum, an die ich mich hĂ€tte setzen können. Ein Computer war bestimmt nicht im Raum, wahrscheinlich auch kein Internetanschluss und vielleicht nicht mal Strom. Nein, hier im 8. Stock eines UniversitĂ€tsgebĂ€udes aus den 1960er Jahren war kein Raum, den ich als BĂŒro hĂ€tte nutzen können. Es ist ein Freitag im September und ich treffe mich zum ersten Mal mit zwei neuen Kolleg:innen der Koordination und Öffentlichkeitsarbeit zu einem Mittagessen in der Mensa. Das halbe Stockwerk, in das bald der bereits vor Monaten formal per Bescheid bewilligte Forschungsverbund einziehen sollte, wird zu diesem Zeitpunkt saniert. „Vielleicht sehen die RĂ€ume dann auch schon halbwegs vorzeigbar aus“, hatte eine der Kolleg:innen vor dem Treffen noch gehofft. „Andernfalls“, schreibt mir die Person, „bekommst Du eine BaustellenfĂŒhrung.“ GlĂŒcklicherweise war der Raum nicht vorzeigbar. Was spĂ€ter wie selbstverstĂ€ndlich mein BĂŒro sein wĂŒrde, erlebe ich hier fĂŒr einen Moment im Werden. Es ist eine virtuelle Variante der *infrastrukturellen Inversion* – die Infrastruktur wird sichtbar, weil sie *noch* nicht funktioniert. Jedenfalls wird hier deutlich, was in der SelbstverstĂ€ndlichkeit der alltĂ€glichen Praxis unbemerkt bleiben kann, nĂ€mlich all die Dinge, die eine Forscherin im Alltag einfach tut, aber in dieser Situation nicht tun kann: das BĂŒro betreten, die Jacke in den Schrank hĂ€ngen, sich an den Schreibtisch setzen, den Computer einschalten, E-Mails checken, Forschung betreiben. %% Hier Literatur zu Infrastruktur und Praxeografie einfĂŒgen, auch um etwas vom ich wegzukommen und die Relevanz deutlich zu machen. %% Auf dem grĂŒnlichen Zettel an der TĂŒr des Noch-nicht-BĂŒros steht außerdem das KĂŒrzel des Projekts, in dem ich zu diesem Zeitpunkt schon angestellt bin und das die Forschungspraktiken des neuen Forschungsverbunds untersuchen soll, mit dem Ziel, dessen Infrastrukturen aktiv mitzugestalten. Das KĂŒrzel lautet INF und steht fĂŒr *Informationsinfrastrukturen*; gemeint sind die Forschungs- und Dateninfrastrukturen des neuen Verbunds. Das beschreibt dann auch das spezifische Feld der Untersuchung, ĂŒber die ich hier berichte. Ich habe meine Forschung nicht immer und ĂŒberall, sondern an bestimmten Orten, zu bestimmten Zeiten und gemeinsam mit bestimmten Personen durchgefĂŒhrt, nĂ€mlich eingebettet in den neuen Verbund und mit einem Interesse an Praktiken und ihren Infrastrukturen. Was braucht es um das Verbindende des Verbunds zu erzeugen, zu verĂ€ndern und zu stabilisieren? Zur Beantwortung gehe ich hier zunĂ€chst einfĂŒhrend und beschreibend vor, indem ich von den Strukturen und Semantiken des Verbunds berichte. Das soll einen ersten, positiven Eindruck von der Welt meiner Forschung erzeugen. Ich bin als Forscher nicht unbeteiligt an der Hervorbringung dieser Welt, die ich als Feld besuche, beschreibe und interpretiere. Zugleich versuche ich hier, die Institutionen und Geschichten des Verbunds ernst zu nehmen und so zu verstehen, wie sie im Feld verstanden werden. Dieses Feld konstituiert sich um eine universitĂ€re Forschungseinrichtung auf Zeit, die rund 60 Personen unter einem gemeinsamen Programm versammelt – das Programm trĂ€gt den Namen *Virtuelle Lebenswelten*. Ich berichte zum einen von den institutionellen Strukturen des Verbunds, wie sie sich in Teilprojekten und anderen formalen oder informellen ZusammenhĂ€ngen bilden. Die Gliederung in Teilprojekte ist dabei die wohl stĂ€rkste Strukturform des Verbunds, wĂ€hrend es ebeneso informelle freundschaftliche Beziehungen gibt, sowie viele Formen zwischen diesen beiden. Ich schreibe zum anderen von der grundlegenden Semantik des Verbunds, wie sie sich in seinem Namen ausdrĂŒckt. *Virtuelle Lebenswelten* und mehr noch *VirtualitĂ€t* sind die Stichworte, die die Zusammenarbeit im Verbund ermöglichen und anleiten sollen. Was immer *VirtualitĂ€t* bedeutet, sie soll sowohl als Gegenstand als auch als ein Mittel in der Forschung des Verbunds auftreten. Hier lohnt es sich aber schon, darauf hinzuweisen, dass ich selbst und meine Forschung institutioneller Teil des Verbunds sind, um den es hier geht. Die daraus folgenden Fragen bespreche ich dann im nĂ€chsten Teil.